Unter den Kolonialgebieten des Deutschen Reichs nimmt das chinesische Kiautschou eine Sonderstellung ein. Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass nur zwei deutsche Münztypen geprägt wurden. Diese waren auf den Mexico-Dollar ausgerichtet, eine Art Weltwährung.
Mitte des 19. Jahrhunderts lebten 600 Millionen Menschen in China. Schon damals weckte dieser unermesslich große potenzielle Markt die Begehrlichkeiten Europas. Mit Opium versuchten die Briten, den Chinesen wertvolles Silber zu entlocken. Als diese sich gegen das aus den britischen Kolonien in Indien eingeführte Rauschmittel wehrten, setzte England seine Handelsinteressen mit Kanonen durch (1. Opiumkrieg 1842). Die Härte, mit der der zweite Opiumkrieg (1856-1860) geführt wurde, war der ökonomischen Verfassung Europas geschuldet, das von der ersten Weltwirtschaftskrise (1857-1859) betroffen war. Der industrielle Kapitalismus war entfesselt, auf die massenhaft produzierten Güter ließen sich im engen Europa nicht absetzen. Neue Märkte mussten her.
Für Preußen, den größten Staat im deutschen Flickenteppich, ging es zudem um Renommée im stetigen Wettstreit mit dem damals noch blühenden Habsburgerreich. Der Geograph und Geologe Ferdinand von Richthofen trieb die Bemühungen Preußens um Handelsverträge und -stützpunkte in Ostasien maßgeblich voran. Richthofen bereiste weite Teile Chinas und interessierte sich vor allem für die Rohstoffressourcen des Landes, träumte aber auch von der Erschließung des Raums durch Eisenbahnen. Er war es, der die Empfehlung aussprach, einen Handels- und Marinestützpunkt in der Bucht von Kiautschou einzurichten. Die Aneignung der Südseekolonie „Deutsch-Neuguinea“ befeuerte das Interesse an einem deutschen Hafen in China, um den Seeweg zu erleichtern. Bismarck war für eine zurückhaltende Ostasienpolitik eingetreten. Als er aus dem Amt schied (1890), nahm man die französische Expansion in China und Vietnam (Indochina) zum Anlass, den deutschen Imperialismus in dieser Region zu forcieren.
Briten, Amerikaner und Franzosen öffneten China für ihre Importe, indem sie durch christliche Missionare das Vertrauen der Bevölkerung suchten. Nicht selten ging die Mission mit Opiumhandel einher: Der Westen brachte den Chinesen Opium und Bibeln. Auch an der Kiautschoubucht in der Provinz Shantung wirkten deutsche Missionare, die sich unter deutsches Protektorat stellten. Exponent der christlichen Behauptung deutscher Interessen war Bischof Johann Baptist Anzer, der auch als chinesischer Staatsbeamter Karriere machte und 1902 zum Mandarin ersten Ranges ernannt wurde. Er führte einen unerbittlichen Kampf gegen den Konfuzianismus. Als 1897 zwei seiner Patres ermordet wurden, war das ein willkommener Anlass für Wilhelm II., „mit voller Strenge und wenn nötig brutaler Rücksichtslosigkeit den Chinesen gegenüber endlich zu zeigen, dass der Deutsche Kaiser nicht mit sich spaßen lässt und es übel ist, denselben zum Feind zu haben.“ (…)